Sprachbildung und Sprachförderung in der Ausbildung
Sprache ist mehr als ein Werkzeug zur Verständigung – sie ist eine zentrale Voraussetzung für erfolgreiches Lernen in der Berufsausbildung. Fachliche Kompetenz und sprachlich-kommunikative Fähigkeiten bedingen sich gegenseitig. Deshalb stehen Lehrkräfte an beruflichen Schulen vor der Aufgabe, Lernende nicht nur fachlich zu qualifizieren, sondern sie auch gezielt beim Aufbau berufssprachlicher Kompetenzen zu unterstützen. Wir beleuchten im Folgenden die Bedeutung von Sprachbildung und Sprachförderung im Kontext der beruflichen Ausbildung, zeigen typische sprachliche Herausforderungen im Schulalltag auf und geben praxisnahe Impulse für einen sprachsensiblen Unterricht.
Sprache als integraler Bestandteil beruflicher Handlungskompetenz
Viele Jugendliche bringen tragfähige sprachlich-kommunikative Grundkompetenzen mit in die Ausbildung. Doch berufliche Kommunikation folgt eigenen Regeln: verdichtete Arbeitsanweisungen, Fachterminologie, implizite Erwartungen an Selbstorganisation und Dokumentation oder die spezifische Sprache digitaler und technischer Systeme. Wer diese Anforderungen nicht durchdringt, gerät schnell ins Hintertreffen – selbst bei hoher Motivation und praktischem Geschick.
Vor diesem Hintergrund ist der Lernort Berufsschule ein entscheidender Schauplatz der Sprachbildung und Sprachförderung. Hier sollte Sprache als integraler Bestandteil beruflicher Handlungskompetenz verstanden und systematisch gefördert werden, um den jungen Menschen einen erfolgreichen Abschluss der Berufsausbildung sowie einen reibungslosen Übergang in die Arbeitswelt oder in weiterführende Bildungsgänge zu ermöglichen.
Sprachbildung vs. SprachförderungSprachbildung erfolgt als alltagsintegrierter Ansatz und kontinuierliche Stärkung von sprachlichen Kompetenzen einer Gruppe. Sprachbildung sollte durchgängig über die gesamte Bildungslaufbahn erfolgen. Mit Sprachförderung ist die gezielte, zeitlich begrenzte Förderung der Sprachentwicklung von einzelnen Personen mit einem sprachlichen Defizit gemeint. |
Elementare Voraussetzung für den Erwerb und die Ausübung beruflicher Handlungskompetenz ist die sprachlich-kommunikative Grundkompetenz. Sie ist essenziell, damit Schülerinnen und Schüler Unterrichtsinhalte nachhaltig verstehen und berufssprachliche Kompetenz aufbauen können. Für einige Jugendliche ist es daher nötig, in einem Berufsvorbereitungsjahr diese Grundkompetenz zu erwerben. Für volljährige Ausbildungsinteressierte gibt es über das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und die Bundesagentur für Arbeit Informationen zu vorbereitenden Sprachkursen, die zum Teil auch bereits berufsbezogene Inhalten abdecken.
Berufssprache setzt sich aus Elementen mehrerer sprachlicher Bereiche zusammen:
- Alltagssprache wird in alltäglichen Kommunikationssituationen gebraucht und besteht häufig aus einfachen Wörtern sowie unvollständigen, kurzen Sätzen.
- Bildungssprache zeichnet sich zum Beispiel durch komplexe Satzstrukturen, Nominalisierungen und unpersönliche Ausdrücke aus, mit denen inhaltlich anspruchsvolle Informationen oder Positionen möglichst präzise ausgedrückt werden.
- Fachsprache geht, ähnlich wie Bildungssprache, über den alltäglichen Sprachgebrauch hinaus. Im Unterschied zur Bildungssprache ist sie jedoch an einen spezifischen Fachbereich gebunden und dient der präzisen, eindeutigen Kommunikation unter Fachleuten. Charakteristisch ist der Einsatz klar definierter Fachbegriffe.
- Verteilersprache bezeichnet Kommunikation zwischen Fachleuten und Nicht-Fachleuten, etwa mit Kundinnen und Kunden. Ihr Ziel ist es, Informationen verständlich zu vermitteln, ohne sie zu stark zu vereinfachen. Kennzeichnend sind ein reduzierter Einsatz von Fachbegriffen, zusätzliche Erklärungen und anschauliche Beispiele.
Schulalltag und Prüfungen stellen Auszubildende vor komplexe Herausforderungen
Nicht nur im ausbildenden Betrieb sehen sich Auszubildende sprachlich-kommunikativen Herausforderungen gegenüber. Auch in der Berufsschule sind komplexe sprachliche Aufgaben zu meistern. Beispielsweise ist das Erarbeiten von neuen Inhalten mit Fachtexten üblich. Lesekompetenz ist daher essenziell für das Verstehen von Fachtexten und auch das Umsetzen von gelesenen Arbeitsanweisungen in fachlich korrekte berufliche Handlungen. Neben der Lesekompetenz spielen auch die sprachlich-kommunikativen Anforderungen Schreiben, Sprechen und Hören eine elementare Rolle für die Teilnahme am Berufsschulunterricht und eine erfolgreiche Prüfungsvorbereitung.
Sprachlich-kommunikative Anforderungen in der BerufsschuleBeinahe jede Handlung in der beruflichen Schule verlangt Schülerinnen und Schülern mindestens eine der sprachlich-kommunikativen Kompetenzen Lesen, Schreiben, Hören und Sprechen ab:
Weitere Informationen: https://www.bibb.de/dienst/dapro/daprodocs/pdf/eb_22304.pdf |
Neben den alltäglichen Herausforderungen in der beruflichen Schule stellt für Personen mit geringer Sprachkompetenz das Bestehen von Zwischen- und Abschlussprüfungen eine große Hürde dar. Bisher werden Prüfungen noch nicht als Bestandteil von Sprachförderung betrachtet, weshalb die Prüfungsvorbereitung häufig ohne Elemente der sprachlichen Bildung stattfindet. Zudem haben zentrale Abschlussprüfungen oft ein höheres sprachliches Niveau, als den Lernenden in Schule und Betrieb vermittelt wird. Aber es gibt erste Ansätze, die sprachliche Prüfungsvorbereitung aufzugreifen.
Praktische Ansätze für die Berufsschule
Sprachbildung und Sprachförderung werden oftmals als Aufgabe des Deutschunterrichts verstanden und in anderen Fächern eher nebenbei betrieben. Die KMK empfiehlt jedoch, in allen Fächern an der Berufsschule einen sprachsensiblen Unterrichtsansatz bzw. das Prinzip Berufssprache Deutsch anzuwenden, um der Notwendigkeit einer durchgängigen Sprachbildung gerecht zu werden. Im Folgenden geben wir einige hilfreiche Tipps, wie sprachsensibler Unterricht gelingen kann.
Sprachsensibler Unterricht
- Mithilfe geeigneter Lernstandsfeststellung kann das sprachliche Niveau der Schülerinnen und Schüler ermittelt werden.
- Auf dieser Grundlage kann die Lehrkraft sprachsensible und niveaudifferenzierte Unterrichtsmaterialien einsetzen, um Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern.
- Die Lehrkraft sollte Arbeitsanweisungen gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern besprechen. Hierbei empfiehlt es sich, dass die Lernenden die Inhalte in eigene Worte fassen.
- Die Klassen können Glossare für bestimmte Fachbegriffe anfertigen, die gegebenenfalls um Bilder und Symbole ergänzt sind.
- Regelmäßige kurze Feedbackgespräche zwischen Lehrkraft und Azubi schaffen Routine und Sicherheit im Umgang mit Sprache. Zudem kann die Lehrkraft so immer wieder das sprachliche Niveau feststellen, um die Strategie gegebenenfalls anzupassen.
- Die Schule sollte die Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte anstreben, um die Qualifizierung für sprachsensibles Unterrichten sicherzustellen. Auch Schulentwicklungsprozesse spielen hier eine große Rolle.
Sprachbewusste Prüfungsvorbereitung
- Eine integrierte, sprachbewusste Prüfungsvorbereitung, die Sprachbildung als Querschnittsaufgabe im gesamten Ausbildungsprozess versteht, kann hilfreich sein.
- Um die Jugendlichen bestmöglich auf Prüfungssituationen vorzubereiten, können im Unterricht systematische Wortschatzarbeit und das Einüben von Lesestrategien angewandt werden.
- In Lerntandems können sich Lernende mit unterschiedlichen Sprachniveaus mit Prüfungsaufgaben aus den Vorjahren beschäftigen.
- Die Lehrkraft sollte regelmäßig einschlägige Textsorten und prüfungsspezifische Handlungssituationen aufgreifen.
- Durch die Kooperation mit der Deutschlehrkraft kann lernfeldübergreifender Unterricht entstehen.
Lernpartnerschaften
- Schülerinnen und Schüler mit Muttersprachenniveau oder fortgeschrittenen Deutschkenntnissen können als Ansprechperson (Pate) für Auszubildende mit sprachlichen Schwierigkeiten fungieren. Im Rahmen gemeinsamer Lernzeiten können – auf Augenhöhe – sprachliche Unsicherheiten thematisiert werden.
Lernortkooperation
- Eine enge Abstimmung mit den ausbildenden Betrieben hilft dabei, sprachliche Herausforderungen aus der betrieblichen Ausbildung im Berufsschulunterricht aufzugreifen und umzusetzen. Lehrkräfte sollten mit Ausbildern und Ausbilderinnen kommunizieren, gemeinsame Förderziele definieren und praxisnahe Übungen für betriebliches Lernen entwickeln. Zudem kann abgestimmt werden, wie eine gemeinsame Strategie für sprachbewusste Prüfungsvorbereitung aussehen kann.
- Lesetipp: Erfahren Sie mehr über die betriebliche Seite von Sprachbildung und Sprachförderung bei Leando, dem Portal für Ausbilderinnen und Ausbilder.
Berufssprachkurse für Auszubildende (Azubi-BSK)Ein ausbildungsbegleitendes oder ausbildungsvorbereitendes Angebot zur Sprachförderung sind die Berufssprachkurse für Auszubildende (Azubi-BSK) des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Diese Kurse haben stets einen berufsbezogenen Fokus.
Für die Azubi-BSK teilt das BAMF Auszubildende einem von insgesamt vier Berufsbereichen zu:
Weitere Informationen: https://www.bamf.de/DE/Themen/Integration/ZugewanderteTeilnehmende/AzubiBSK/azubi-bsk-node.html |
Fazit
Eine durchgängige Sprachbildung ist entscheidend für den Ausbildungserfolg und die nachhaltige berufliche Integration von (migrierten) Auszubildenden. Für Lehrkräfte beruflicher Schulen bedeutet das, Sprache systematisch als Bestandteil aller Lernprozesse mitzudenken und zu fördern – unabhängig vom Unterrichtsfach. Sprachsensibler Unterricht, eine enge Lernortkooperation sowie gezielte Angebote wie berufsspezifische Sprachkurse können dazu beitragen, sprachliche Hürden abzubauen und Chancengleichheit zu stärken.
Die Umsetzung einer durchgängigen Sprachbildung wird zunächst mit erhöhtem Aufwand einhergehen – was vor dem Hintergrund von Lehrkräftemangel, vollem Stundenplan sowie Verwaltung, Kommunikation und sonstigen Zusatzaufgaben jeder einzelnen Lehrkraft eine ernsthafte Herausforderung ist.
Daher ist eine intensivere Erforschung der Wirksamkeit von Sprachförderung nötig, um daraus länderseitig konkretere Umsetzungsvorschläge für die Empfehlungen der KMK erarbeiten zu können und den Lehrkräften echte Unterstützung bei der Umsetzung von Sprachförderung und Sprachbildung an die Hand zu geben.
Verwendete Literatur
- Backwinkel-Blog (2018): Sprachförderung und Sprachbildung in Krippe, Kindergarten, Kita und Schule. https://www.backwinkel.de/blog/sprachfoerderung-und-sprachbildung-in-krippe-kindergarten-kita-und-schule/#2
- Bundesinstitut für Berufsbildung (2017): 2.2.304 – Sprachlich-kommunikative Anforderungen in der beruflichen Ausbildung [Abschlussbericht] https://www.bibb.de/dienst/dapro/daprodocs/pdf/eb_22304.pdf
- Bundesinstitut für Berufsbildung (2025): „Sprache(n) im Beruf: Gestaltung und Förderung beruflicher Sprachbildung an den verschiedenen Lernorten“:https://www.bibb.de/dienst/publikationen/de/20537
- Katharina Wolf, Nicole Kimmelmann. Sprachbewusste Prüfungsvorbereitung in der dualen Berufsausbildung: anforderungsbezogen, integrativ und durchgängig?!
- Martina Hoffmann. Schritt für Schritt zum Schulkonzept Berufssprache Deutsch
- Deutsche Gesellschaft für Lesen und Schreiben (2018): Bildungssprache und Fachsprache. https://dgls.de/mlm/daz-und-sprachfoerderung/die-besonderheiten-der-deutschen-sprache/bildungssprache-und-fachsprache/
- Fachstelle berufsbezogenes Deutsch: Sprachpaten: Ein Baustein zur interkulturellen Organisationsentwicklung und Unterstützung in der beruflichen oder innerbetrieblichen Weiterbildung. https://www.deutsch-am-arbeitsplatz.de/fachdiskussion/innerbetriebliche-weiterbildung/sprachpaten
- Kultusministerkonferenz (2019): Empfehlung der Kultusministerkonferenz für einen sprachsensiblen Unterricht an beruflichen Schulen. https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2019/2019_12_05-Sprachsensibler-Unterricht-berufl-Schulen.pdf
- Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) des Landes Baden-Württemberg (2020): Sprachsensibel unterrichten in allen Fächern: Ein Leitfaden für berufliche Schulen. https://hubbs.schule/mediathek/sprachsensibel-unterrichten-allen-fachern-ein-leitfaden-fur-berufliche-schulen
Weitere Informationen
- Leo-Studie 2018: https://leo.blogs.uni-hamburg.de/wp-content/uploads/2014/01/9783830927754-openaccess.pdf
- Leo PIAAC 2023: https://leo.blogs.uni-hamburg.de/leo-piaac-2023/
- AlphaDekade 2016-2026: https://www.alphadekade.de/de/home/home_node.html
- Projekt „SprachVermögen“ der Berufsschule Mode und Gestaltung Zürich (BSMG): https://hubbs.schule/article/im-fokus/wie-ein-gemeinsamer-blick-aufs-lesen-die-berufsbildung-staerkt
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