Lese- und Schreibfähigkeiten in der Berufsschule fördern
Im Rahmen einer beruflichen Ausbildung steht die Vermittlung jener Kompetenzen im Fokus, die eine angehende Fachkraft für ihren beruflichen Alltag in Handwerk, Industrie, Handel oder Dienstleistung benötigt. Häufig wird dabei vorausgesetzt, dass Auszubildende über ausreichende Grundkompetenzen verfügen. Studien und Erfahrungen aus der Praxis zeigen jedoch etwas anderes: Insbesondere Lesen und Schreiben bereiten vielen Menschen Schwierigkeiten.
Im ersten Teil dieses Beitrags erhalten Sie Hintergrundinformationen über Grundbildungsdefizite und die Auswirkungen von geringer Literalität auf Auszubildende. Im zweiten Teil erfahren Sie, wie Sie betroffene Schülerinnen und Schüler im Unterricht gezielt unterstützen können.
Geringe Literalität: Kein Randphänomen aus der Vergangenheit
Die LEO-Studie 2018 der Universität Hamburg hat ergeben: Rund 12 Prozent der Bevölkerung im Alter von 18 bis 64 Jahren – das sind 6,2 Millionen Erwachsene im erwerbsfähigen Alter – verfügen über so geringe Lese- und Schreibfertigkeiten, dass sie Texte nicht zuverlässig erfassen oder formulieren können. Es handelt sich also um ein strukturelles gesellschaftliches Phänomen, nicht nur um individuelle Schwierigkeiten (vgl. Universität Hamburg (2018): LEO 2018 – Leben mit geringer Literalität).
Grundbildung und Literalität
Literalität, also die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben, wird als Teil der Grundbildung verstanden. Menschen, die auf diesem Gebiet Schwierigkeiten haben, können zwar lesen und schreiben, aber nicht sicher genug, um größere Zusammenhänge und komplexe Informationen vollständig zu erfassen. Die Grundbildung umfasst darüber hinaus grundlegende Kompetenzen für kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe, darunter mathematische, finanzielle und digitale Kompetenzen. Aber auch soziale und personale Softskills zählen dazu (vgl. Fachstelle für Grundbildung und Alphabetisierung Baden-Württemberg).
Alpha-LevelsMit den sog. „Alpha-Levels“ ist ein Klassifizierungssystem für Lese- und Schreibkompetenzen Erwachsener geschaffen worden. Es ist in insgesamt vier Stufen unterteilt, wobei Level 1 die Stufe mit den geringsten Fähigkeiten ist. Als „gering literalisiert“ bezeichnet man Erwachsene auf den Stufen 1 bis 3.
Mehr Informationen: Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung / AlphaDekade (2025): https://www.alphadekade.de/de/service/fragen_antworten/fragen-antworten.html |
Grundbildungsdefizite in unterschiedlichen Bildungsbiografien
Ein niedriges Grundbildungsniveau und Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben betreffen Menschen mit ganz unterschiedlichen Bildungsbiografien. Ein weit verbreitetes Missverständnis ist, dass vor allem Menschen mit Migrationshintergrund mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen kämpfen. Tatsächlich zeigt die Forschung, dass auch viele Menschen mit Deutsch als Muttersprache gering literalisiert sind. Sie haben das Lesen und Schreiben zwar gelernt, aber nie so verinnerlicht, dass sie komplexe Texte sicher verstehen oder selbst verfassen können. Die Ursachen hierfür sind vielfältig und reichen von unzureichender Förderung im Elternhaus oder in der Schule bis hin zu individuellen Lernschwierigkeiten, die nie diagnostiziert wurden (vgl. Deutscher Volkshochschul-Verband e.V. Erwachsene mit Lese- und Schreibschwierigkeiten erkennen, ansprechen, informieren [Broschüre]).
Auswirkungen von geringer Literalität
Laut der Studie „PIAAC“, die im Auftrag der OECD alle zehn Jahre die Alltagsfähigkeiten von Erwachsenen im Alter von 16 bis 65 Jahren in 31 Ländern erfasst, gingen 2023 in allen untersuchten Ländern höhere Grundkompetenzen mit höherem Erwerbseinkommen einher. In Deutschland und in den meisten anderen untersuchten Ländern weisen erwerbstätige Personen im Durchschnitt signifikant höhere Grundkompetenzen auf als Personen, die nicht erwerbstätig sind. Das spiegelt sich sogar über das Bildungsniveau hinaus in einem höheren Erwerbseinkommen wider.
Eine der Voraussetzungen für langfristige Erwerbstätigkeit ist eine solide Berufsausbildung. Für viele Betroffene stellen mangelnde Grundkompetenzen bereits eine zu große Hürde dar, sodass sie gar nicht erst eine Ausbildung beginnen, sondern oft langfristig in Helfertätigkeiten arbeiten.
Auszubildenden ohne ausreichendes Grundbildungsniveau fehlt oftmals die Grundlage, um Ausbildungsinhalte nachhaltig verstehen zu können. Sprachlich-kommunikative Fähigkeiten, für die die Schriftsprachkompetenz das Fundament bildet, sind Voraussetzung für den Erwerb beruflicher Kompetenzen im Zuge der Ausbildung. Eine Förderung der Alphabetisierung und Grundbildung rückt damit als wesentlicher Aspekt beruflicher Bildung in den Fokus – sowohl am Lernort Schule als auch im ausbildenden Betrieb.
Darüber hinaus haben Personen mit geringer Literalität oft Schwierigkeiten im Alltag, schließlich werden vom Busfahrplan über das Kinoprogramm bis zum Mietvertrag ein Großteil der Alltagsthemen schriftlich gehandhabt. Daher ist bei Personen mit schwachen Lese- und Schreibfähigkeiten häufig auch die sozialen Teilhabe beeinträchtigt.
AlphaDekadeDie AlphaDekade 2016–2026 ist eine bundesweite Initiative der Bundesregierung zur Verbesserung der Lese- und Schreibkompetenzen von Erwachsenen. Ziel ist es, geringe Literalität sichtbar zu machen, zu enttabuisieren und nachhaltige Förderstrukturen aufzubauen – auch im Kontext von Arbeit und Ausbildung. Beteiligt sind Bund, Ländern und gesellschaftspolitischen Partner (https://www.alphadekade.de/de/akteure/dekadepartner/dekadepartner_node.html) Es gibt fünf Handlungsfelder:
Weitere Informationen: https://www.alphadekade.de/de/home/home_node.html |
Umgang mit geringer Literalität in der Berufsausbildung
In der Ausbildung sind schriftsprachliche Anforderungen allgegenwärtig. Im Ausbildungsbetrieb liegen betriebliche Anleitungen und Sicherheitsinformationen oftmals in schriftlicher Form vor und müssen gelesen und verstanden werden. Daneben sollen die Azubis Ausbildungsnachweise (Berichtshefte) führen. In der Schule verteilt die Lehrkraft Arbeitsaufträge oftmals in schriftlicher Form und erwartet auch schriftliche Ergebnisse. Gängige Unterrichtsmaterialien wie Arbeitsblätter, Quizze, Informationstexte und vieles mehr setzen ausreichende Lese- und Schreibfähigkeiten voraus.
Hinzu kommt, dass die fortschreitende Digitalisierung der beruflichen Ausbildung, zu der der Einsatz von Online-Lernplattformen oder Kommunikationssoftware gehört, Menschen mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen vor besondere Herausforderungen stellt. Bisher einfache Arbeitstätigkeiten können dadurch komplexer werden.
Unterstützung von betroffenen Auszubildenden
Wie können Lehrkräfte Schülerinnen und Schüler mit geringer Literalität sinnvoll im Unterricht unterstützen, ohne das Fortkommen der ganzen Klasse zu gefährden? Generell gilt, dass Schulen bzw. Klassen eine sensible und offene Grundhaltung anstreben sollten, um Betroffene nicht zu stigmatisieren. Dazu kann es nötig sein, die Lehrkräfte über Fortbildungen zu dem Thema zu schulen und so sprachsensiblen Unterricht zu fördern.
Im Rahmen einer beruflichen Ausbildung kann auch der Lernort Betrieb einen wertvollen Beitrag dazu leisten, die schriftsprachlichen Kompetenzen von Auszubildenden zu fördern. Lesen Sie bei leando über praxisnahe Strategien, wie Ausbildungspersonal Auszubildende mit geringer Literalität sinnvoll unterstützen kann. Leando ist ein Portal ähnlich wie HubbS, aber für das Ausbildungspersonal der Betriebe. Es wird vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) betrieben. Im Leando-Portal finden Sie:
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Praktische Ansätze für die schulische Arbeit
Im Folgenden geben wir Ihnen konkrete Tipps, wie Sie Schülerinnen und Schüler mit geringer Literalität in Ihrem Unterricht fördern können – unabhängig vom Fach.
- Integration schriftsprachlicher Förderung: Förderung sollte in den Fachunterricht eingebettet sein, nicht isoliert stattfinden. Konkret: Fachtexte gemeinsam erschließen (zum Beispiel Arbeitsanweisungen, Berichtsheft, Sicherheitsvorschriften) und Schreiben an reale berufliche Situationen knüpfen (E-Mails, Protokolle, Dokumentation)
- Differenzierung ohne Stigmatisierung: Es müssen nicht zwei komplett getrennte Unterrichtswelten geschaffen werden. Man kann leseschwache Schülerinnen und Schüler auch mittels Differenzierungsmöglichkeiten fördern.
Passende Methoden:- Aufgaben in Niveaustufen anbieten (zum Beispiel Basisaufgabe und Erweiterung)
- Hilfekarten / Scaffolds bereitstellen: Satzanfänge („Ich habe beobachtet, dass …“), Wortlisten, Strukturhilfen für Texte
- Optionale Unterstützung, nicht verpflichtend, um Bloßstellung zu vermeiden
- Lesekompetenz gezielt fördern: Viele Azubis scheitern nicht am Fach – sondern am Verstehen der Aufgaben. Bei der Förderung können folgende Methoden helfen:
- Markierstrategien vermitteln (wichtige Begriffe, Fragen, unbekannte Wörter)
- Lesen in Etappen, statt den Text in einem Stück zu lesen
- Lautes Denken vormachen („Ich lese das und frage mich gerade …“)
- Kurze Zusammenfassungen schreiben oder mündlich geben
- Durch Lautlesen die Leseflüssigkeit fördern
- Prüfungsrelevante Textsorten in Niveauabstufungen verwenden
- Schreiben niedrigschwellig trainieren: Schreiben fällt oft schwerer als Lesen. Hilfreiche Ansätze der Förderung sind:
- Schreibrahmen vorgeben (Templates), zum Beispiel für Berichte: Einleitung: „Am … habe ich …“, Durchführung: „Zuerst …, dann …“, Ergebnis: „Das Ergebnis war …“
- Progression einbauen: Lückentexte → halboffene Texte → freie Texte
- Modelllernen: Gemeinsames Schreiben an der Tafel
- Routinen einbauen: Kurze, regelmäßige Übungen wirken stärker als seltene „Förderstunden“. Beispielsweise können Sie 5–10 Minuten pro Stunde Fachbegriffe erklären lassen oder Mini-Schreibaufgaben und kurze Leseaufträge stellen.
- Digitale Unterstützung sinnvoll nutzen: Gerade im Berufskontext sind digitale Tools realistisch und entlastend, sollten aber als Unterstützung und nicht als Ersatz fürs Lernen fungieren.
- Text-to-Speech / Vorlesefunktion
- Rechtschreibtools
- einfache Lern-Apps für Wortschatz
- Fehlerkultur verändern: Wenn jeder Fehler rot markiert wird, wirkt sich das negativ auf die Motivation aus. Daher sollten Sie bei der Korrektur lieber den Fokus auf Verständlichkeit statt auf Perfektion legen und gezielte Rückmeldung geben (zum Beispiel nur 1–2 Aspekte korrigieren) sowie den Fortschritt sichtbar machen.
- Stärkere Lernende einbinden: Nutzen Sie die Kompetenzen stärkerer Lernender, um sie nicht auszubremsen, beispielsweise durch:
- Partnerarbeit mit klaren Rollen (zum Beispiel „Erklärer“ und „Protokollant“)
- Erweiterungsaufgaben für Schnellere
- Peer-Feedback (vorab Kriterien festlegen)
- Eigenes Lerntempo erlauben und Geduld zeigen: Lehrkräfte sollten vermeiden, Druck auf Lernende mit geringer Literalität auszuüben. Für viele betroffene Menschen ist der Aufbau literaler Fertigkeiten ein Prozess, der viel Zeit benötigt.
- Zusammenarbeit mit externen Partnern: Berufliche Schulen können auf Lernmöglichkeiten zurückgreifen, die bundesweit von Volkshochschulen und anderen Bildungseinrichtungen angeboten werden. Daneben steht der kostenfreie Service ALFA-Telefon zur Verfügung: www.alfa-telefon-suche.de
Fazit
Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben sowie ein niedriges Grundbildungsniveau sind ein oftmals unterschätztes, aber reales Problem im Kontext der beruflichen Ausbildung. Es betrifft nicht nur Menschen mit Migrationsgeschichte, sondern auch viele Auszubildende mit Deutsch als Muttersprache, die zwar schulisch alphabetisiert wurden, aber die schriftsprachlichen Anforderungen der modernen Arbeitswelt nicht sicher bewältigen.
Bislang ist der Umgang mit geringer Literalität und mangelnder Grundbildung in der beruflichen Bildung kaum Gegenstand der Forschung. Zudem ist die Sensibilisierung für sprachliche Schwierigkeiten bislang nicht Teil der Lehrkräfteausbildung. Daher müssen sich Lehrkräfte im Nachhinein gezielt in Fort- und Weiterbildungen zum Thema schulen lassen. Sie stehen vor der Herausforderung, dass sie oft auf sich gestellt sind, und müssen mühsam ihre Materialien und ihren Unterricht so anpassen, dass Schülerinnen und Schüler aller Niveaustufen mitgezogen werden. Das bedeutet zusätzlichen Zeitaufwand für Fortbildung, Unterrichtsvorbereitung, Prüfungsvorbereitung und mehr.
Weitere Informationen
AlphaDekade 2016-2026: https://www.alphadekade.de/de/home/home_node.html
BIBB-Publikation (2025): Sprache(n) im Beruf: Gestaltung und Förderung beruflicher Sprachbildung an den verschiedenen Lernorten
Bundesministerium für Bildung und Forschung (2024): Lesen und Schreiben öffnet Welten [Broschüre]
Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): Funktionaler Analphabetismus – Hintergründe eines aktuellen gesellschaftlichen Phänomens
BWP-Zeitschrift (Monika Bethschneider, Anke Settelmeyer, 2019): Sprachbewusst prüfen
BWP-Zeitschrift (Christina Hanck, Katja Grosch, Alexander Meier, 2024): Sprachbarrieren überwinden. Textoptimierung für inklusive berufliche Prüfungen mittels KI
Deutscher Volkshochschul-Verband e.V.: Erwachsene mit Lese- und Schreibschwierigkeiten erkennen, ansprechen, informieren [Broschüre]
Fachstelle berufsbezogenes Deutsch: Sprachpaten: Ein Baustein zur interkulturellen Organisationsentwicklung und Unterstützung in der beruflichen oder innerbetrieblichen Weiterbildung.
Fachstelle für Grundbildung und Alphabetisierung Baden-Württemberg: https://www.fachstelle-grundbildung.de/grundbildung-und-alphabetisierung.html
IQ Netzwerk Niedersachsen (2014): Deutsch habe ich im Betrieb gelernt – Berufsbezogenes Deutsch im Unternehmen verankern [Broschüre]
Internationaler Bund: Grundsatzpapier Alphabetisierung und Grundbildung im IB – Herausforderungen, Strategien, Verortung [Broschüre]
KMK (2019): Zahl der funktionalen Analphabeten in Deutschland geht um eine Million zurück
KMK-Publikation (2019): Bildungssprachliche Kompetenzen in der deutschen Sprache stärken
OECD (2023): PIAAC 2023 - Grundlegende Kompetenzen Erwachsener im internationalen Vergleich
„SprachVermögen“, ein Projekt der Berufsschule Mode und Gestaltung Zürich (BSMG): https://hubbs.schule/article/im-fokus/wie-ein-gemeinsamer-blick-aufs-lesen-die-berufsbildung-staerkt
Stiftung Grundbildung Berlin: https://grundbildung-berlin.de/was-ist-grundbildung/
tagesschau.de. (2024, 13. September): Bildung in Deutschland: Fehlinterpretierte Zahl zu Analphabetismus
überaus.de: Dossier Grundbildung: Lese- und Schreibschwäche beim Einstieg in den Beruf
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