Unterrichtsgespräche erfolgreich führen: Ein Praxisseminar unter Nutzung des Virtual-Reality-Klassenzimmers
Unter dem Titel „Unterrichtsgespräche erfolgreich führen: Ein Praxisseminar unter Nutzung des Virtual-Reality-Klassenzimmers“ haben wir (Erziehungswissenschaftliche Bildungsforschung, Universität Potsdam) dieses praxisorientierte Fortbildungsmodule entwickelt, um einen evidenzbasierten, dialogischen Zugang zum Unterrichtsdiskurs zu fördern und gleichzeitig eine technologiegestützte Umgebung bereitzustellen, in der Lehrkräfte zentrale Diskursstrategien analysieren, erproben und gezielt verfeinern können. Fortbildungsmodule basiert auf umfangreicher Forschung zur dialogischen Pädagogik (Michaels et al., 2010; Nystrand, 1997), die das Unterrichsgespräch nicht als Ergänzung, sondern als zentrales Vehikel des Lernens versteht. In dialogisch ausgerichteten Unterrichtskontexten konstruieren Schüler:innen Wissen kollektiv, indem sie Fragen stellen, vorläufige Erklärungen entwickeln, Behauptungen hinterfragen und gemeinsam mit Peers und Lehrkräften Bedeutung aushandeln. Obgleich der Mehrwert dialogischer Pädagogik breit anerkannt ist, stellt ihre Umsetzung Lehrkräfte vor erhebliche Herausforderungen. Häufig greifen Lehrkräfte auf Gesprächsformen zurück, die sie selbst als Schüler:innen erlebt haben, was oft monologische Praktiken wie lange Lehrervorträge, bloße Ausfüllübungen und rasche evaluative Reaktionen stabilisiert (Tao & Chen, 2024). Die Forschung zur Lehrer:innenbildung zeigt konsistent, dass komplexe Unterrichtspraktiken nicht durch bloße Exposition entstehen; erforderlich sind sorgfältig strukturierte Gelegenheiten, spezifische Komponenten von Unterricht zu analysieren, zu erproben und hierzu Rückmeldungen zu erhalten (Grossman et al., 2009). Für dialogische Pädagogik benötigen Lehrkräfte insbesondere strukturierte Qualifizierungsgelegenheiten, in denen sie Schüler:innendenken interpretieren, passende Diskursstrategien erwägen, diese Entscheidungen in Übungssituationen umsetzen und in iterativen Zyklen Feedback erhalten. Fortbildungsmodule adressiert diesen Bedarf, indem ein Zyklus aus Erprobung und Untersuchung (cycle-of-enactment-and-investigation; Lampert et al., 2013) mit KI-gesteuerten Schüler:innen in einem Virtual-Reality-(VR-)Klassenzimmer integriert wird. VR- und KI-Technologien erfüllen dabei eine klar pädagogische Funktion, indem sie eine kontrollierte, risikoarme Umgebung schaffen, in der Teilnehmende natürlich mit virtuellen Schüler:innen interagieren, neue Diskurstechniken erproben, deren Wirkungen erleben, Rückmeldungen erhalten und ihre Praxis gezielt verfeinern. Das viertägige Präsenzformat (Arbeitsaufwand ca. 13 Stunden) alterniert zwischen Analyse- und Erprobungsphasen dialogischer Unterrichtsgespräche. In den Analysephasen (Tage 1 und 3) untersuchen die Teilnehmenden ausgewählte Beispiele von Unterrichtsinteraktionen mit Fokus auf Diskursstrukturen, die Integration von Schüler:innenideen und Gelegenheiten zur Vertiefung des Begründens. In den Erprobungsphasen (Tage 2 und 4) praktizieren die Teilnehmenden dialogische Techniken im VR-Klassenzimmer mit KI-gesteuerten Avataren. Die Simulation zeichnet die Lehrer:innenrede auf und transkribiert sie, was evidenz-basierte Reflexion unterstützt. Die Arbeit erfolgt in Dreiergruppen von Lehrkräften, die strukturierte Protokolle (Howe et al., 2019; Windschitl et al., 2018) zur kollegialen Rückmeldung nutzen. Dieses integrierte Design macht die komplexen Prozesse des Wahrnehmens, Interpretierens und Reagierens auf Schüler:innenideen sichtbar und veränderbar. Abschließend geht Fortbildungsmodule über eine bloß beschreibende Darstellung dialogischer Pädagogik hinaus, indem wiederholte, strukturierte Gelegenheiten zur Umsetzung, Analyse und Verfeinerung dieser Praktiken auf der Basis konkreter Evidenzen bereitgestellt werden. Durch die Verknüpfung von Analyse und Erprobung und die Sichtbarmachung zentraler Prozesse zielt Fortbildungsmodule darauf, Lehrkräfte zu befähigen, Schüler:innendenken zu erkennen, Begründungen zu fördern, Ideen wirkungsvoll zu verknüpfen und Unterrichtsdiskurse in Richtung fachlicher Verständnisse zu leiten - essenzielle Fähigkeiten für gerechte, begrifflich anspruchsvolle Lernumgebungen über Fächer und Jahrgangsstufen hinweg. Fortbildungsmodule wurde im Kontext von DigiProMIN (Digitalisierungsbezogene und digital gestützte Pro-fessionalisierung von MIN-Lehrkräften), Cluster 2d („Anforderungen des naturwissenschaftlichen Sach- und Fachunterrichts im VR-Klassenzimmer üben“), entwickelt und im Juni 2025 mit 22 Lehramtsstudierenden (Bachelor-Niveau) pilotiert. Es zeigten sich positive Veränderungen der Selbstwirksamkeit und der Überzeugungen in Bezug auf Unterrichtsdiskurs sowie eine Verschiebung hin zu stärker dialogischen gegenüber monologischen Redemustern in vor- und nachgelagerten Simulationen. Lernziele: Die Zielgruppe umfasst Lehramtsstudierende sowie Lehrkräfte der Sekundarstufe, die ihren Unterrichtsdiskurs zur Förderung von Schüler:innenbegründungen und Argumentationen vertiefen möchten. Die Lernziele sind entlang von Blooms Taxonomie strukturiert: Auf den Niveaus Erinnern und Verstehen formulieren die Teilnehmenden zentrale Konzepte dialogischer Pädagogik, einschließlich der Unterscheidung zwischen Abfrage, Diskussion und dialogischer Instruktion, und erläutern die pädagogischen Funktionen spezifischer Diskurstechniken. Auf dem Niveau Anwenden führen die Teilnehmenden fokussierte Übungseinheiten im virtuellen Klassenzimmer durch und nutzen Techniken des Elicitings, Revoicings (paraphrasierendes Wiederaufgreifen), des Nachfragens/Vertiefens sowie evidenzbezogener Nachfrage, um in kurzen Instruktionssequenzen kollektive Bedeutungsbildung zu ermöglichen. Auf den Niveaus Analysieren und Bewerten identifizieren die Teilnehmenden mithilfe von Beobachtungsprotokollen Muster in der Lehrer:innenrede, beurteilen die Wirksamkeit ihrer dialogischen Entscheidungen, geben evidenzbasierte kollegiale Rückmeldungen und begründen Verbesserungsvorschläge. Auf dem Niveau Erschaffen entwerfen die Teilnehmenden kohärente Unterrichtsabschnitte, die dialogische Sequenzen mit fachlichen Zielen verknüpfen, antizipieren mögliche Schüler:innenbeiträge und planen Elicitierung, Integration und Konsolidierung. Der zeitliche Umfang dieser Fortbildung liegt bei 13 Stunden. Der Zeitrahmen beträgt 4 Veranstaltungen. Fortbildungsformat: Präsenz. Digitale Kompetenzen: Berufliches Engagement, Lehren und Lernen, Lernerorientierung
- Nutzungsrechte
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Vervielfältigung, Bearbeitung und Verbreitung erlaubt. Namensnennung erforderlich.CC BY
- Herkunftsnachweis
- "Unterrichtsgespräche erfolgreich führen: Ein Praxisseminar unter Nutzung des Virtual-Reality-Klassenzimmers" von , lizenziert unter CC BY 4.0
- Original-URL
- https://download.sodix.de/dlms/f65747188cef8a53/qh7_jg8-OTlwHL3hfnzY8lYsPx0yHjULghIYLlGL7DE4DjUJ3w==/Vmqc7Waodejw5l2-Qn9F0Uzc7hr8GsABR-kLtONTp-BIAsKEeQrKLigcN8fX3BRM
Dirk Richter (Universität Potsdam), Mirjam Steffensky (Universität Hamburg), Thilo Kleickmann (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel), Yizhen Huang (Universität Potsdam)
| Lernressource | Präsentation, Arbeitsblatt, Handbuch, Kurs, Audio, Anleitung, VR & AR |
| Lizenz | CC BY 4.0 |
| Sprache | Deutsch |
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