Bildungsbericht 2026: So steht es um die berufliche Ausbildung
Weniger betriebliche Ausbildungsangebote, anhaltende Passungsprobleme sowie mehr vorzeitige Vertragslösungen und nicht bestandene Abschlussprüfungen führen zu einem Tiefstand an Ausbildungsabschlüssen. Bildungspolitisch wird darauf mit verschiedenen Lösungsansätzen reagiert, um die Attraktivität der beruflichen Ausbildung weiterhin hochzuhalten. Wir haben für Sie die wichtigsten Erkenntnisse und Lösungsansätze, die der Bildungsbericht 2026 für die berufliche Bildung aufzeigt, zusammengefasst.
Rückgang bei den Neuzugängen in duale Berufe
In den letzten zwei Jahren ist die Zahl der Eintritte in das duale System auf 438.000 Neuzugänge zurückgegangen und liegt damit knapp 10 Prozent unter der Zahl der Neuabschlüsse vor der Corona-Pandemie. Parallel dazu ging auch die Zahl der betrieblichen Ausbildungsplätze sowie der ausbildenden Betriebe zurück, vor allem unter den Klein- und Kleinstunternehmen. 2024 lag dieser Anteil bei 18,7 % und erreichte einen neuen Tiefstand. Die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber nahm dagegen wieder leicht zu. In der Folge verschlechterte sich die Angebots-Nachfrage-Relation zuungunsten der Ausbildungsinteressierten: Es kamen etwa 95 Ausbildungsplätze auf 100 Nachfragende. Die Passungsprobleme setzen sich also weiter fort und erschweren die Ausbildungsintegration und die Fachkräftesicherung.
Zuwächse bei schulischen Berufen und im Übergangsbereich
Den rückläufigen Neuzugängen im dualen System stehen Zuwächse in schulischen Berufsausbildungen gegenüber (2025: 233.000 Neuzugänge). Diese Entwicklung wird vor allem von den Berufen des Gesundheitswesens getragen. Auch in der Ausbildung zum Beruf Erzieher (m/w/d) führten die Ausweitung vergüteter Ausbildungsformate und niedrigere Zugangsbedingungen zu einem Anstieg, der aktuell jedoch ins Stocken geraten ist. In beiden Berufsbereichen bleiben dennoch erhebliche Herausforderungen, den Fachkräftebedarf zu sichern.
Die gestiegene Zahl der Neuzugänge im Übergangssektor (262.000 im Jahr 2025) ist ein Ausdruck ungelöster Integrationsprobleme. Besonders große Herausforderungen erleben junge Menschen ohne Schulabschluss, unter denen sich viele mit sonderpädagogischem Förderbedarf befinden. Für eine Verbesserung der Übergänge sind eine hochwertige Berufsorientierung, verlässliche Unterstützungsstrukturen und ein Austausch an den Schnittstellen zwischen allgemeinbildenden und beruflichen Schulen erforderlich.
Zunahme bei Vertragslösungen
Der weitere Anstieg der Zahl vorzeitiger Vertragslösungen ist bedenklich. Vor allem Personen ohne oder mit niedrigem Schulabschluss und nichtdeutscher Staatsangehörigkeit sind hiervon betroffen. Sie beginnen ihre Ausbildung häufig in Berufen mit weniger attraktiven Arbeitsbedingungen und in kleineren Betrieben, die oft über geringere zeitliche und personelle Ausbildungsressourcen verfügen.
Stabiler Anteil von Studienberechtigten in der Berufsausbildung
Seit Jahren gibt es einen stabilen Anteil von über einem Viertel der Studienberechtigen, die eine Berufsausbildung aufnehmen. Personen mit Allgemeiner Hochschulreife wählen diesen Weg seltener als jene mit Fachhochschulreife. Diese Entscheidung wird durch die soziale Herkunft beeinflusst.
Tiefstand an Absolventinnen und Absolventen
Im Jahr 2024 wurde mit 492.000 Absolventinnen und Absolventen in der beruflichen Ausbildung ein neuer Tiefstand erreicht. Dies lässt sich insbesondere mit der in den letzten zwölf Jahren um 24 % gesunkenen Zahl an Berufsabschlüssen im dualen System erklären.
Lösungsansätze
Bildungspolitisch wurde auf die Problemlagen mit verschiedenen Maßnahmen reagiert: Der von staatlicher Seite 2024 eingeführte Rechtsanspruch auf Förderung einer außerbetrieblichen Berufsausbildung für junge Menschen, die trotz Bewerbungen keinen Ausbildungsplatz erhalten haben, konnte aufgrund von Interessenkonflikten zwischen den Akteuren seine Wirkung bislang nicht voll entfalten. In der bisherigen Umsetzung löst er weder die strukturellen Probleme am Ausbildungsmarkt noch verbessert er nennenswert die Chancen für sozial benachteiligte ausbildungsinteressierte junge Menschen. Sein Beitrag für einen gleichberechtigten und inklusiveren Zugang Berufliche Ausbildung junger Menschen zu einer beruflichen Ausbildung ist bislang sehr beschränkt.
Mit dem Gesetz zur Stärkung der Aus- und Weiterbildungsförderung wurden Instrumente ausgebaut, die junge Menschen und Betriebe in der dualen Ausbildung adressieren. Die stärkere Flexibilisierung der Einstiegsqualifizierung soll unter anderem die Ausbildungsintegration benachteiligter junger Menschen verbessern. Mobilitätszuschüsse sollen regionale Passungsprobleme mindern, während Berufsorientierungspraktika eine bessere Passung von Interessen und Fähigkeiten der jungen Menschen und Anforderungen von Betrieben fördern und damit auch frühe Abbrüche verhindern sollen.
Angepasste Instrumente wie die Assistierte Ausbildung (AsA flex) bieten Förderangebote zur Unterstützung von Betrieben bei der Aufnahme benachteiligter Gruppen. Insgesamt werfen die Teilnahmezahlen zu den Maßnahmen jedoch Fragen nach Reichweite und Passung auf. So sind zwar Bekanntheit und Akzeptanz von AsA flex bei größeren Unternehmen gestiegen, jedoch kennen und nutzen Kleinst- und Kleinbetriebe, die am ehesten sozial benachteiligte oder lernschwächere junge Menschen aufnehmen, diese Angebote bislang kaum. Zudem zeigt sich eine geringe Freistellungsbereitschaft der Betriebe.
Im Schulberufssystem bestehen weiterhin Herausforderungen im quantitativen Ausbau und in der Qualitätssicherung. Dazu zählen der weiter steigende Bedarf nach Pflegefachkräften sowie bislang ungeklärte Bedarfe in Erziehungs- und sozialpädagogischen Berufen im Zusammenhang mit dem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung. Mit Blick auf die Ausbildungsqualität stellt sich die Frage, inwieweit die Reformen und Maßnahmen zur Erhöhung der Attraktivität der Ausbildungen in Pflege und Erziehung den unterschiedlichen Versorgungsbedarfen gerecht werden.
Der Handlungsdruck wird durch die digitale und sozialökologische Transformation der Wirtschaft weiter verstärkt, da sich Qualifikationsanforderungen verändern. Zugleich eröffnen die Transformationsprozesse die Chance, berufliche Ausbildung als zentralen Ort der Fachkräftesicherung neu zu positionieren. Voraussetzung ist eine systematische Verankerung der veränderten Anforderungen in Curricula und Ausbildungsprozessen. Dies erfordert entsprechende strukturelle, personelle und institutionelle Rahmenbedingungen, sodass die berufliche Ausbildung für ausbildungsinteressierte junge Menschen attraktiv bleibt.
Zum Hintergrund
Der Bildungsbericht erscheint alle zwei Jahre und wird von der Autorengruppe Bildungsberichterstattung verfasst. Die Federführung liegt beim DIPF Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation. Für den Bildungsbericht werden vorhandene Untersuchungen und Statistiken ausgewertet und zu einem Gesamtüberblick zu allen Bildungsbereichen kombiniert. Wir beschränken uns in diesem Beitrag auf die Erkenntnisse zur beruflichen Ausbildung.
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