Wenn die KI ein Arbeitsblatt vorschlägt: KI-Einsatz entlang der vollständigen Handlung
In den Lehrkräftefortbildungen, die ich begleitet habe, wiederholte sich ein Muster. Sobald KI-Anwendungen leicht zugänglich waren, stieg die Menge an vorbereitetem Material spürbar an: Aufgabensammlungen, Wiederholungsblätter, Tests, Arbeitsblätter. Was die Lernenden im Unterricht danach taten, veränderte sich kaum.
Vorab zu meiner eigenen Position: Ich unterrichte nicht an einer deutschen Berufsschule. Die Lernfeldkonzeption ist Ihr Fachgebiet, nicht meines. Was ich beitragen kann, ist eine Beobachtung aus der Fortbildungsarbeit und aus der Arbeit an Systemen, die Unterrichtsmaterial erzeugen: Der Unterschied zwischen einem brauchbaren und einem beliebigen Ergebnis entsteht meist vor dem ersten Klick.
Warum am Ende meist ein Arbeitsblatt steht
Wer eine KI-Anwendung ohne genauere Vorgabe um Unterstützung bei der Unterrichtsvorbereitung bittet, bekommt in aller Regel ein Arbeitsblatt. Das liegt nicht an der Qualität der Anwendung, und der Wechsel zu einer anderen ändert daran wenig.
Die naheliegende Erklärung ist die Zusammensetzung der Texte, aus denen solche Systeme gelernt haben. In schriftlicher Form erscheint Unterricht am häufigsten als Arbeitsblatt, und auf die häufigste Form fällt ein System zurück, solange die Vorgabe offen bleibt. Mir ist keine Untersuchung bekannt, die das eigens für Unterrichtsmaterial belegt, und ich gebe es deshalb nicht als Befund aus. Beobachten lässt es sich trotzdem regelmäßig: Je offener die Frage, desto zuverlässiger das Arbeitsblatt.
Für die berufliche Bildung wiegt das schwerer als für andere Schularten. Die Handreichung der Kultusministerkonferenz für die Erarbeitung von Rahmenlehrplänen (Stand 17. Juni 2021) nennt in den Didaktischen Grundsätzen als Orientierungspunkt: „Lernen vollzieht sich in vollständigen Handlungen, möglichst selbst ausgeführt oder zumindest gedanklich nachvollzogen“ (S. 17). Der Unterricht soll die jungen Menschen demnach „zu selbstständigem Planen, Durchführen und Beurteilen von Arbeitsaufgaben im Rahmen ihrer Berufstätigkeit“ befähigen, Ziel ist die Entwicklung einer umfassenden Handlungskompetenz. Wer das Ergebnis der offenen Anfrage ungeprüft übernimmt, tauscht ein handlungsorientiertes Konzept gegen ein rezeptives ein, meist ohne es zu bemerken, weil das Material sauber aussieht.
Was die Anwendung übernimmt und was bei Ihnen bleibt
Ein brauchbarer Maßstab dafür, was „aktiv“ überhaupt heißt, stammt von Michelene Chi und Ruth Wylie (Educational Psychologist, 2014). Ihr ICAP-Modell unterscheidet vier Formen kognitiver Beteiligung: passiv (aufnehmen), aktiv (etwas mit dem Material tun), konstruktiv (etwas hervorbringen, das im Material nicht steht) und interaktiv (auf den Beitrag einer anderen Person aufbauen). Die Lernwirksamkeit steigt nach ihrer Darstellung in dieser Reihenfolge. Nützlich ist es vor allem, weil es sich ohne Schulung anwenden lässt: zehn Minuten im eigenen Unterricht beobachten und fragen, in welcher der vier Formen die Auszubildenden gerade arbeiten.
Die Richtung ist gut untersucht. Scott Freeman und sein Team werteten 225 Studien aus (PNAS, 2014). In den 158 Studien mit Prüfungs- oder Testergebnissen lagen die Leistungen unter aktivem Lernen im Mittel um 0,47 Standardabweichungen höher; in den 67 Studien mit Durchfallquoten lagen diese bei 21,8 Prozent gegenüber 33,8 Prozent im reinen Vorlesungsformat. Eine Einschränkung gehört ausdrücklich dazu: Die Metaanalyse betrachtet MINT-Lehrveranstaltungen an Hochschulen. Auf die berufliche Bildung lässt sie sich nicht ungeprüft übertragen. Sie stützt eine Richtung, sie liefert keine Zahl für Ihre Klasse.
Zuverlässig übernehmen kann eine KI-Anwendung die Zuarbeit und die Varianten: die zweite und dritte Fassung einer Aufgabe für unterschiedliche Leistungsniveaus, Rollenkarten, Fallbeschreibungen, Beobachtungsbögen, Musterlösungen zum Gegenlesen. Das sind die Teile der Vorbereitung, die viel Zeit kosten und wenig didaktische Entscheidung enthalten.
Bei Ihnen bleibt die Entscheidung, welche Methode zu welchem Schritt passt, die Entwicklung der Lernsituation aus dem Lernfeld, die Einschätzung, wem Sie wie viel Offenheit zumuten können, und die Prüfung des Ergebnisses.
Für diese Prüfung lässt sich dieselbe Anwendung ein zweites Mal nutzen, dann aber als Reflexionshilfe und nicht als Materialautomat. Legen Sie Ihren fertigen Entwurf vor und fordern Sie Gegenrede an: wo die Auszubildenden nur zuhören, welche Aufgabe auch ohne die vorangegangene lösbar wäre, welche Anweisung mehrdeutig ist. Die Antwort ist keine Wahrheit, sie zeigt aber die Stellen, über die man beim Schreiben hinweggegangen ist. Denselben Dienst leisten die vier Formen: Notieren Sie zu jedem Abschnitt, welche er verlangt. Steht überall „passiv“ oder „aktiv“, haben Sie schneller vorbereitet und den Unterricht nicht verändert.
Sechs Vorgaben entlang der vollständigen Handlung
Die vollständige Handlung wird in der Praxis meist in sechs Schritten beschrieben: Informieren, Planen, Entscheiden, Ausführen, Kontrollieren, Bewerten. Für den KI-Einsatz ist entscheidend, welchen dieser Schritte Sie gerade vorbereiten. Sechs Beispiele, jeweils mit der Vorgabe, die Sie selbst formulieren müssen.
Informieren. Die offene Bitte um ein Infoblatt liefert ein Infoblatt. Die genauere Vorgabe lautet etwa: „Ich führe ein Gruppenpuzzle durch. Ich brauche vier Expertentexte von je 300 Wörtern zu vier Teilaspekten des Themas, jeweils mit zwei Leitfragen, dazu eine Syntheseaufgabe für die Stammgruppe, die nur lösbar ist, wenn alle vier Texte eingebracht werden.“ Der letzte Halbsatz trägt die Methode. Ohne ihn entstehen vier Texte, die man auch nacheinander lesen könnte.
Planen. Hier ist die Versuchung am größten, den Auszubildenden die Arbeit abzunehmen. Fordern Sie deshalb keine fertige Arbeitsplanung an, sondern Planungshilfen in drei Abstufungen: eine leere Gliederung mit Terminspalte, dieselbe Gliederung mit vorgegebenen Arbeitsschritten in ungeordneter Reihenfolge, und eine Fassung mit Leitfragen zu jedem Schritt. Wer welche Fassung bekommt, entscheiden Sie in der Stunde.
Entscheiden. Für Fallarbeit brauchen Sie keinen Fall mit Lösung, sondern einen Fall mit Konflikt. Je genauer der berufliche Zusammenhang benannt ist, desto brauchbarer das Ergebnis: „Eine Fallbeschreibung von etwa 250 Wörtern aus dem Ausbildungsberuf Kaufmann/-frau im Einzelhandel. Eine Reklamation nach Ablauf der Frist, bei der die Kulanz gegenüber einer Stammkundin und die Vorgaben der Filialleitung kollidieren und es keine eindeutig richtige Lösung gibt. Dazu drei Rollenkarten mit unterschiedlichen Prioritäten und vier Kriterien, an denen die Auszubildenden ihre Entscheidung anschließend messen.“ Wer stattdessen „einen Fall aus dem Berufsfeld“ anfordert, bekommt genau die Beliebigkeit zurück, die er vermeiden wollte.
Ausführen. In der Projektarbeit ist die ausführliche Schritt-für-Schritt-Anleitung genau das, was Sie nicht anfordern sollten, weil sie den Auszubildenden das Planen abnimmt. Nützlich sind stattdessen ein Meilensteinplan mit Terminen und Abnahmekriterien sowie ein Beobachtungsbogen mit vier beobachtbaren Verhaltensweisen für die Zusammenarbeit im Team.
Kontrollieren. Für die gegenseitige Prüfung von Arbeitsergebnissen brauchen Sie eine Diskussionsphase, die diesen Namen verdient. Fordern Sie deshalb ein Verfahren an und kein Gespräch: „Ein Ablauf für eine Fehlerkonferenz in Vierergruppen, in der jede Gruppe das Ergebnis einer anderen Gruppe prüft. Ich brauche die Rollenverteilung, drei Prüffragen, an denen sich die Rückmeldung orientiert, und eine Regel dafür, wie eine strittige Einschätzung festgehalten wird, wenn sich die Gruppen nicht einigen.“
Bewerten. Reflexionsfragen verpuffen, wenn sie allgemein bleiben. Binden Sie sie an einen konkreten Handlungsschritt und verwenden Sie im Selbsteinschätzungsbogen dieselben vier Kriterien, die im Schritt Entscheiden festgelegt wurden. Sonst bewerten die Auszubildenden etwas anderes, als sie entschieden haben.
Grenzen: Prüfen Sie das Ergebnis an der Methode
Drei Prüfschritte lassen sich nicht abgeben.
Der erste ist der Abgleich mit der angeforderten Methode. Eine als Diskussionsphase bezeichnete Ausgabe ist häufig ein Arbeitsblatt, auf dem das Wort Diskussion steht. Fragen Sie bei jedem Abschnitt, was die Auszubildenden dabei konkret tun, nicht, wie er überschrieben ist.
Der zweite betrifft das Maß an Anleitung. Paul Kirschner, John Sweller und Richard Clark haben 2006 im Educational Psychologist die These vertreten, dass Unterricht mit sehr geringer Anleitung scheitert, besonders bei Lernenden ohne ausreichendes Vorwissen. Die Arbeit ist fachlich umstritten. Der Widerspruch, etwa von Cindy Hmelo-Silver, Ravit Golan Duncan und Clark Chinn (2007), richtet sich vor allem darauf, dass problem- und fragegeleiteter Unterricht sehr wohl Gerüste bereitstellt. Genau darum geht es an dieser Stelle: Struktur ist nicht dasselbe wie Lösungsweg. Meilensteine, Kriterien und Rollen geben Struktur, eine Schritt-für-Schritt-Anleitung nimmt die Handlung vorweg. Wer offene Aufgaben schnell erzeugen kann, produziert schnell viel Beliebigkeit, und das trifft die leistungsschwächeren Auszubildenden zuerst.
Der dritte ist die fachliche Richtigkeit. Zahlenwerte, Normen, Vorschriften und betriebliche Abläufe sind an der jeweils geltenden Fassung zu prüfen. Das System kennt weder den Stand der Norm noch die Ausbildungsbetriebe, aus denen Ihre Klasse kommt.
Ein kurzer Prüfbogen vor dem Einsatz
- Habe ich die Methode benannt, bevor ich die Anwendung geöffnet habe?
- Welchen Schritt der vollständigen Handlung bereite ich gerade vor?
- Was tun die Auszubildenden konkret: aufnehmen, bearbeiten, etwas Neues hervorbringen oder aufeinander aufbauen?
- Reicht die Anleitung für die Schwächsten in der Klasse, ohne den Stärkeren die Arbeit abzunehmen?
- Sind Zahlen, Normen, Vorschriften und betriebliche Abläufe fachlich geprüft?
- Was bleibt im Unterricht meine Aufgabe, etwa Moderation, Zwischensicherung, Rückmeldung?
Die Gewohnheit dahinter ist klein: erst die Methode benennen, dann die Anwendung öffnen. Sie kostet in der Vorbereitung wenige Minuten, sie lässt sich in einer Fortbildung vermitteln, und sie entscheidet mehr über das Ergebnis als jede Auswahl zwischen Anwendungen.
| Zur Autorin: Adriana Perusin ist kanadisch-brasilianische Pädagogin mit über 20 Jahren Erfahrung in der Bildung und in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Sie hat IASEA aufgebaut und leitet das brasilianische Bildungs- und Forschungsinstitut, dessen Programme für aktives Lernen, sozial-emotionales Lernen und Umweltbildung 229 Schulen und 4.580 Lehrkräfte erreicht haben. Sie ist Mitgründerin von Flip Education. |
Quellen
- Chi, M. T. H. & Wylie, R. (2014). The ICAP Framework: Linking Cognitive Engagement to Active Learning Outcomes. Educational Psychologist, 49(4), S. 219-243. https://doi.org/10.1080/00461520.2014.965823
- Freeman, S., Eddy, S. L., McDonough, M., Smith, M. K., Okoroafor, N., Jordt, H. & Wenderoth, M. P. (2014). Active learning increases student performance in science, engineering, and mathematics. Proceedings of the National Academy of Sciences, 111(23), S. 8410-8415. https://doi.org/10.1073/pnas.1319030111
- Hmelo-Silver, C. E., Duncan, R. G. & Chinn, C. A. (2007). Scaffolding and Achievement in Problem-Based and Inquiry Learning: A Response to Kirschner, Sweller, and Clark (2006). Educational Psychologist, 42(2), S. 99-107. https://doi.org/10.1080/00461520701263368
- Kirschner, P. A., Sweller, J. & Clark, R. E. (2006). Why Minimal Guidance During Instruction Does Not Work: An Analysis of the Failure of Constructivist, Discovery, Problem-Based, Experiential, and Inquiry-Based Teaching. Educational Psychologist, 41(2), S. 75-86. https://doi.org/10.1207/s15326985ep4102_1
- Sekretariat der Kultusministerkonferenz (2021). Handreichung für die Erarbeitung von Rahmenlehrplänen der Kultusministerkonferenz für den berufsbezogenen Unterricht in der Berufsschule und ihre Abstimmung mit Ausbildungsordnungen des Bundes für anerkannte Ausbildungsberufe. Stand 17. Juni 2021, S. 17.
Als Anwendung installieren
Installieren Sie HubbS als App für ein besseres Nutzungserlebnis. Mehr erfahren.